Der Begriff «Balkan» stammt aus dem Türkischen und bezeichnete ursprünglich ein Gebirge an der Grenze zwischen Bulgarien und Mazedonien. Erst später wurde der Balkan auf ein weiteres Gebiet ausgedehnt.

Das Land Mazedonien beinhaltet in etwa sämtliche Klischees, die wir mit dem Balkan verbinden. Pepperoni, Knoblauch und scharfer Schnaps. Folklore, Volkstrachten und Volksmusik. Gastfreundschaft und Großfamilien. Und doch nicht so ganz.

Wenn der Balkan so «typisch» wäre, warum sind sich die Völker dann so uneinig? Die mehrfachen Kriege wurden bereits an anderer Stelle hinreichend diskutiert und darauf werde ich nicht weiter eingehen.

Im Gegensatz zum «typischen» Balkan, steht ein erfrischender Individualismus. So in etwa: alle anderen esssen Knoblauch; aber ich mag keinen Knoblauch. Zuerst denkt der balkanische Mensch rein mathematisch im Sinne von Problem und Lösung. Das mathematische Problem ist ja nichts Schlimmes, sondern nur eine Zahl, welche sich nicht so leicht einordnen läßt. Also: der Tourist mag keinen Knoblauch. Irgendwie finden wir da eine Lösung. So geht es mit vielen Dingen.

Leider läßt sich nicht alles irgendwie und auf dem Wege der Mathematik lösen. Deshalb wird der balkanische Mensch leicht auch emotional. Kraftausdrücke dienen als seelisches Ventil. Im Mittelpunkt steht der Mutterfluch. Jemand behauptet, er habe geschlechtlichen Kontakt mit der eigenen Mutter. Die Behauptung ist so ungeheuerlich, daß sie gar nicht mehr ernst genommen wird. Jedenfalls klappte das nicht mit der Lösung und jetzt spuckt der Mensch drauf. Frei übersetzt sagt das nur aus: «das geht nicht so, wie ich das will».

Der Fluch läßt sich auch auf natürliche Ereignisse anwenden. Der Sommer war zu heiß; der Winter zu kalt; das Jahr zu trocken oder zu naß und vor allem: die Ernte bringt nix. Verflucht wird nunmehr die Mutter Gottes und das ist noch etwas blasphemischer. Darf ein Ausländer diesen Fluch anwenden? Ja, wenn er den Originalton beherrscht und den lernt man nur im Lande selber.

Wohlgemerkt: diese Einführung gilt nicht nur für Mazedonien. In Serbien, Bulgarien und Rumänien verhält es sich nicht viel anders.

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Zum ersten Mal war ich 1976 in Mazedonien. Nunmehr vor 28 Jahren. Warum eigentlich? Unter Marschall Tito war das Land noch eine ordentliche Diktatur, welche dem Tourismus recht viel Freiräume erlaubte. Zudem war das Land billig. Und Mazedonien galt als Beispiel für die Dritte Welt, die ich einmal in Natura sehen wollte. Dazu folgt ein eigenes Kapitel.

Am 24. April 2004 werde ich erneut dorthin fahren. Bei meinem ersten Aufenthalt lernte ich eins: Ohrid muß man gesehen haben. Die Stadt am gleichnamigen See ist angeblich der schönste Ort in ganz Mazendonien. Selbst wenn nicht: dann sollte man diese Stadt wenigstens zum Vergleich gesehen haben, um weitere Orte beurteilen zu können. So war ich bereits 1976 in Ohrid und werde wieder dorthin fahren; auch um zu sehen, ob und inwieweit sich diese Stadt verändert hat.

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Heißt es nun Mazedonien oder Makedonien? Sind wir nun weströmisch oder oströmisch? In der Antike lautete der Name einmal «Macedonia». Der Buchstabe «c» wurde im Westen wie «z» und im Osten wie «k» gesprochen. Es spricht nichts dagegen, wenn wir uns an die weströmische Tradition halten und das tue ich auch in meinem Text. Sobald einer von uns nach Mazedonien reist, betritt er faktisch oströmisches Gebiet. Man wird sich daran gewöhnen müssen, daß die Mazedonier selbst, auch wenn sie deutsch oder englisch sprechen, Makedonien sagen. Ganz korrekt heißt es gar «Makedonija» und dann kann man auch gleich makedonisch lernen.

Im Englischen gibt es ein Kunstwort: Former Yugoslav Republic of Macedonia. Die Abkürzung lautet: FYROM. Diese Wortschöfpung wurde von Griechenland diktiert, weil es dort eine Provinz «Makedonia» gibt. Diese schreibt sich mit «k», dafür ohne «j» und das griechische «d» wird gelispelt. Ich halte das Ganze für etwas lächerlich und die meisten Mazedonier sehen das auch so. Wenn jemand konsequent englisch spricht, dann wird er an der Formulierung nicht ganz vorbei kommen. In der Landessprache dagegen gibt es nur «Makedonija».

Man darf schon froh sein, daß sich die Menschen deswegen nicht gleich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Dennoch ist die Grenze zu Griechenland etwas heikel. 1976 verursachte der Grenzübergang keine Probleme. Heute, im Jahre 2004 dagegen werde ich das nicht testen.