Zumindest im Jugoslavien Titos wurde mir erzählt, die Dritte Welt sei eine Ableitung des dritten Weges zwischen Kommunismus und Kapitalismus und somit eine jugoslawische Erfindung. Mazedonien aber sei das Land, wo die Dritte Welt tatsächlich stattfindet.

Heute, im Zeitalter der Globalisierung unterscheiden wir zwischen Schwellenländern, Ländern der Dritten und Ländern der Vierten Welt. Im ursprünglichen Zustand war aber die Dritte Welt ein Gebiet ohne Industrie und Arbeitsplätze. So wie Deutschland im 18. Jahrhundert. Logischerweise ernährten sich die Menschen von Ackerbau und Viezucht.

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Das eigentliche Problem entsteht erst durch Übervölkerung. Ein Mensch, der sich durch das Land ernährt, braucht Platz zum Leben. Im Jahre 1976 erschien mir Mazedonien nicht sonderlich übervölkert. Als erstes sah man Landschaft. Berge, Flüsse und Seen. Wälder eher weniger. Viel Weideland. Darauf vor allem Schafe, Ziegen und Rinder. Gelegentlich auch Pferde und Esel. Das liebe Federvieh durfte natürlich nicht fehlen. Daneben auch Sonderkulturen: Obst und Gemüse. Tabak und Wein. Häufig waren diese Sonderkulturen durch Steinmauern umfriedet.

Es galt als abnormal, Häuser aus Jux und Dollerei zu zerstören, um dafür neue zu bauen. Eine traurige Ausnahme bildete die Hauptstadt Skopje, welche vor 40 Jahren durch ein Erdbeben zerstört wurde. Ich erinnere mich an eine Betonwüste. Eine Durchgangsstation, die man zwangsläufig erreicht und schnell wieder verlassen möchte. Sonst sah ich noch vielerorts Bauwerke aus osmanischer Zeit.

Die Menschen hatten viel Zeit und wenig Geld. Es wurde viel handwerklich gearbeitet und vieles von Hand gemacht. So entstanden die Trachten, anhand derer man Mazedonier von Albanern, Türken, Serben und Zigeunern unterscheiden konnte.

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Der dritte Weg gestaltete sich sehr simpel. Der Mensch braucht das Land zum Leben. Wenn das Land käuflich ist, dann verdrängen Großgrundbesitzer die armen Bauern. Wenn der Staat alles verteilen soll, dann wird das viel zu umständlich und kompliziert. Also gab es zwar keinen Grundbesitz; - dafür aber Nutzungsrechte. Bauern und Hirten durften ihre Produkte behalten und untereinander tauschen. Das haben sie ohnehin schon seit tausenden von Jahren getan. Das Land durfte jedoch weder gekauft noch verkauft werden. Und es mußte genutzt werden. Alles, was brach lag, das verteilte der Staat.

Heute schreiben wir das Jahr 2004 und ich bin neugierig darauf, ob es immer noch so ist.

Nein, man sieht nicht so einfach Elend. Irgendwie halten sich die Menschen über Wasser. Wichtiger noch: sie bewahren ihre Menschenwürde und ihren Stolz.

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Die Rückstände zeigen sich eher an Nebensächlichkeiten. Die Verkehrsverbindungen waren schon immer eine Katastrophe. Damals fuhr ich in einem Bus, der wirklich stundenlang im ersten Gang über elende Schotterpisten gurkte. Im eigenen Auto wäre es auch nicht besser gewesen.

Dann kaufte ich völlig überlagerte Filme. Warum eigentlich? Nur aus Geiz und in dem Glauben, in Mazedonien ein paar Denar sparen zu können. Die Filme waren nichts und die Photos auch nichts. Das ist ein Grund, warum ich erneut hinfahre. Endlich einmal will ich in dem Land Bilder aufnehmen. Es wird sich lohnen. Land und Leute sind pitoresk.

Die Ernährung gestaltet sich für mich einfach, weil ich kein Vegetarier bin. In ihrem Alltag essen die Menschen sehr wenig Fleisch. Nicht etwa, weil es teuer wäre, sondern ganz einfach, weil Kühlanlagen fehlen. Wenn ein Tier geschlachtet ist, dann muß es an einem Tag gegessen werden. Das gelingt nur bei besonderen Anlässen. Zum Beispiel dann, wenn Fremde ins Dorf kommen. Es ist praktisch unmöglich, den Menschen begreiflich zu machen, daß man kein Fleisch will. Und selbst wenn - Hilfe! Was wird dann aus den Resten?

Information war damals ein Fremdwort. Zwar gibt es das allgemeinslawische Wort «informacija», doch damit vermochte niemand etwas anzufangen. Das führte auch dazu, daß ich nur einen kleinen Teil des Landes bereiste. In der Hauptsache eben Ohrid.

Heute verbinden wir Armut mit Kriminalität. Früher war das einmal ganz anders. Damals lebten die Menschen noch fest in ihrem Glauben, hatten moralisch ihr Gewissen und es gab ohnehin niemanden zum Beklauen. Angst mußte ich keine haben. Wie das heute ist? Mal sehen. Sollte mir etwas zustoßen und sollte ich das überleben, dann werde ich darüber Auskunft geben.